Sonntag, 12. Juli 2015

1. Street-Food-Festival Regensburg

Nicht erst seit uns in den Kinos das Feel-Good-Movie "Kiss the Cook" Appetit auf "Deluxe-Imbiss" - Verzeihung: "Street Food" - macht, boomt in Deutschland das Interesse an "Essen auf die Hand", das dem Einerlei aus Knacker-, Bratwurst-, Steaksemmeln, halben Hähnchen samt Erfrischungstüchlein und Currywurst mit Pommes ein paar bunte Tupfer aus den Küchen dieser Welt hinzufügt.

Ob diese neue Fast-Food-Welle auf Rädern das Zeug hat, tatsächlich eine dauerhafte kulinarische Bereicherung darzustellen, das wollten wir heute auf dem 1. Regensburger Street-Food-Festival neben dem Parkplatz des Hiendl-Möbelhauses testen. Zwei Tage im Zeichen des Essens ohne Messer und Gabel - wir waren dort am schwülwarmen Sonntag, um dort zu Mittag zu essen.
von Robert Bock

Bitte beachten:Sämtliche Posts stellen persönliche und höchst subjektive Meinungsbilder des jeweiligen Verfassers dar und sind auf keinen Fall verallgemeinerbar. Das Recht zu sachlicher Kritik ergibt sich aus dem im Artikel 5 des Grundgesetzes verbrieften Recht auf freie Meinungsäußerung - auch wenn negative Kritik manchmal sehr unliebsam sein kann. Gastronomen, Küchenpersonal und Servicekräfte sind wie die Gäste Menschen und haben gute und schlechte Tage im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Jede Kritik ist also eine lediglich subjektive Momentaufnahme: Was heute schlecht war, kann morgen gut sei und umgekehrt. Die Verfasser der Beiträge dieses Blogs bemühen sich um Konstruktivität, um Gastronomen zu helfen, kontinuierliche Verbesserungsprozesse zu initiieren und für potenzielle Gäste die Markttransparenz zu verbessern.

Gut, dass wir bereits kurz nach der Eröffnung um 11 Uhr eintrafen, denn das riesige Areal füllte sich zügig und dementsprechend lang waren sogleich die Schlangen an viele Wägen und Ständen. Wir wollten möglichst viel probieren und beschlossen deswegen nur eine Portion an den uns interessierenden Ständen zu kaufen und diese dann zu zweit zu verspachteln. Für einen Eindruck sollte das genügen ... Das Angebot war trotzdem zu groß, um jeden Anbieter in unseren Rundgang einzubeziehen und insofern muss unser Eindruck natürlich ein lückenhafter bleiben.

Zunächst ein Caesar's Panino (hausgemachte Mayo, Hühnerbrust, Bacon, Romanasalat und Taleggio) bei StreetFood Munich - dieses, wie soll ich es nennen?: "Ding" bringt man zuhause selbst mit zwei linken Händen mindestens ebenso hin und bekommt von niemandem, der auch nur halbwegs geschulten Geschmack hat, dafür Lob. Vor allem nicht für den brettharten, völlig überbratenen Speck, den ich beim Reinbeissen für einen pfeilförmigen, flachen Holzspieß hielt, wie man ihn von Rollmöpsen her kennt. Für einen Moment fürchtete ich um meine Zahnfüllungen. Wen hungert, der ärgert sich außerdem über den stolzen Preis von 5,50 EUR für das überschaubar große Panino, das man uns aber wenigstens wunschgemäß zweiteilte.




Dann ein Burrito mit Fleisch plus Guarcamole (6,50 EUR) bei Mr. Burrito, dessen Qualitätsversprechen (siehe Foto) sich zumindest vielversprechend laß.
Hätte die üppige Füllung dieses Teigfladen mit dem Geschmack von recycletem Pappkarton selbst auch noch nach den Zutaten geschmeckt, und hätte man den Machern dieses - unserer Meinung nach - kulinarischen Schurkenstückes erklärt, dass eine Prise Salz den Geschmack der Zutaten heben helfe, dann wären wir mit freundlicherer Miene weitergezogen. So aber ein weiblicher und ein männlicher Daumen nach unten für diese geschmacksneutrale Parodie eines mexikanischen Klassikers, dessen grundsätzliche Unentbehrlichkeit man ohnehin in einer ausführlicheren Exegese hinterfragen müßte.

Weiter gings mit einem kubanischen Burger  mit Pulled Pork und Süßkartoffelmus bei Cubita.
Good from far, but far from good: Pulled Pork sollte an sich eine schöne, fetttriefende Angelegenheit sein, da sich nur so der Geschmack guten Schweinfleisches voll entfalten kann. Das Pulled Pork war hier, sofern ich mich korrekt entsinne,Sous-vide gegart, geschmacksneutral, ungesalzen und so furztrocken, dass man es kaum schlucken konnte. Das Süßkartoffelmus war süß, sonst nichts. Ein meiner Meinung nach widerwärtiges, überflüssiges Gemüse ohnehin und ganz grundsätzlich, diese Süßkartoffeln. Ein Hauch Chilli und ein Schuß Olivenöl, selbst wenn dies so wenig kubanisch gewesen wäre wie der mutmaßliche Chef des Standes mit dem Strohhütchen, hätte der mehligen Pampe gut getan. Das Bunn- eher ein zu scharf gegrilltes Pitta-Brot, das mit undefinierbarem Fett vollgesogen war, komplettierte neben ein wenig Salat, kalter Tomate und Paprikawürfeln den Festival-Beitrag dieses Anbieters, der 6 EUR und damit meiner Meinung nach 2 bis 3 EUR zu viel gekostet hatte.



Zwischenbilanz: Drei Versuche, drei Nieten. Mittlerweile immer mehr Leute. Das Publikum mehrheitlich vom Typus "Schwellenangst vor besseren Restaurants", wahrscheinlich froh, nicht mit Messer und Gabel essen zu müssen (Gabel links oder rechts? Was für ein Stress jedesmal ...) , drei Viertel des überwiegend jungen Publikums massiv adipös oder auf dem Weg dorthin und auf dem Parkplatz ein beeindruckendes Sammelsurium von Landnummern an aufgemotzten Opels, 3er BMWs und GTI's. Brutale Hitze und viel zu wenig Schatten: Viele Biertischgarnituren, wenig Schirme ... Live-Musik zweier Klampfen-Künstler die im Stile John Denvers die Countryroads beschworen, die sie doch bitte nach Hause bringen möchten. Die beiden Jungs sangen uns mittlerweile aus der Seele ...


Vielleicht wirds endlich was mit dem BBQ-Sandwich von Koch Rockers Food Truck? Der Koch sieht jedenfalls aus, als würde er gerne essen und macht gerade eine Pause, während er eine blonde  junge Dame als Eye-Catcher am Grill schuften läßt. Der vierte Versuch, der vierte Griff ins Klo: Die Semmel nach unser beider Meinung eine fade, sich im Mund aufplusternde und speichelraubende Frechheit; verdammt nah dran an einem Aufbackbrötchen von Coppenrath&Wiese das versehentlich nicht aufgebacken wurde, eine Textur wie Käfigstreu für Hamster und Meerschweinchen. Der Speck ok, das Rindfleisch so dünn, man hätte hindurch Zeitung lesen können, fasrig und trocken wie ein Minutensteak von Lidl, das 10 Sekunden zu lang in der Pfanne gelegen hatte. Die BBQ-Sauce pappig süß, zu kalt und mit einem alkoholischen Nachhall im Abgang, der, übereinstimmend festgestellt, weit abseits unser beider Geschmacks lag. Wenigstes gabs dort eine halbe Portion zu 4 EUR, so halbierte sich auch unsere Enttäuschung gegenüber der möglichen. Dieser Versuch war somit bislang unser persönlicher Tiefschlag des Tages.


Arschkartenquote also bisher 100%. Zufall, Pech, systemimanent oder einfach nicht unser beider kulinarische Welt ...? Komm, lass uns abhauen und versuchen wir bei McDonalds den schlechten Geschmack aus dem Mund zu bringen ... Halt: Besagt nicht ein japanisches Sprichwort, dass die Nacht am finstersten sei, bevor der Morgen dämmere...?

War da hinten nicht ein Stand eines Winzers aus Franken, der dort "veganen" Wein feilbot? Den sollten wird auf jeden Fall probieren ... Das Etikett "vegan" entpuppte sich keineswegs als Scherz, denn Jungwinzer Thomas Schenk vom Weingut Winzerhof am Spielberg in Randersacker bei Würzburg, mit dem wir bei je einem Gläschen (2,00-2,50 EUR für 0,1 l) Bacchus, Riesling und Silvaner (Restzucker: Null Gramm .. wow, was für ein durchgegorener, knochentrockener Hammer!) ein wenig fachsimpelten, schönt seinen Wein tatsächlich nicht mit Gelantine oder geschlagenem Eiweiß. Die wenigsten Weine seien tatsächlich vegan, wie er erklärte.
Uns ist das zwar egal, halten wir doch den Veganismus für die so ziemlich saublödeste Schrulle seit Erfindung des Nordic Walking, aber einerlei: Sein Wein ist trotzdem sehr schön, prima gekühlt und fränkisch-knackig. Alle drei verkosteten Tropfen sortentypischen Charakters mit der Mineralität des Terroirs rund um Randersacker. Wir werden bei unserer nächsten Einkaufstour in den Norden Bayerns, dieses Weingut auf die Liste setzen.

Die Schlangen wurden länger und länger - erfreulicherweise nicht so ausgeprägt vor den Buden und Wägen der veganen Spezialisten mit ihren anämischen Gesichtern - und vor einem Stand klaffte doch tatsächlich gähnende Leere: "Knackersemmel mit Allem" für schlappe 2,50 EUR und niemand scheint sich dafür zu interessieren ...

Ich denke mir, zugegeben auch etwas mitleidig mit den den beiden Leuten in ihrem Wagen: Komm, gib dem "Local-Food-Heroe" eine Chance, und kaufe dir eine. Gesagt, getan und endlich rührt sich was in meinem Mund: G'schmackig der Knacker, süß der Weißwurstsenf, süß-sauer die Essiggurken - ja, so muss es sein ... Eine etwas hochwertigere Semmel hätte ich mir gewünscht und der Spaß wäre kreisrund gewesen.
Aber: Kein laffes, geschmackloses Vergewaltigen teurer Zutaten, was sich letztlich als kulinarische Ressourcenverschwendung herausstellen muss,  kein liebloses, uninspiriertes Würzen, wie an den Ständen zuvor. Es hat seinen Grund, warum die "Knackersemmel mit Allem" in unseren Breiten ein Klassiker ist und mit Sicherheit von all dem trendigen Junkfood nicht dauerhaft verdrängt werden wird. "Fluctuat nec mergitur" lautet die Losung im Stadtwappen von Paris - sie wankt, aber sie geht nicht unter - dieses Motto sollten sich die Knackersemmel-Gastronomen dieser Welt zueigen machen.


Madame wünscht sich zum definitiven Abschluß unseres Rundgangs etwas Süßes. Am Wagen von "Poushe Strudel"wird sie fündig: Zwetschgenstrudel mit Vanillesoße (6 EUR - happig!). Ok: ziemlich lecker, aber trotzdem krass überteuert! Ich zwinge im Dienste der Marktforschung zwei, drei hölzerne Gäbelchen voll ... und denke mir: endlich essen wie ein Mensch, in der Rechten endlich so etwas ähnliches wie Besteck.



Unser Fazit: 

  • Die "Knackersemmel mit Allem", der Zwetschgenstrudel und der ausgezeichnete Frankenwein entschädigten für die Gaumenbeleidigungen, die uns beiden - subjektiv empfunden - die übrigen von uns getesteten Mitstreiter des Festivals zugemutet haben. 
  • Zu zweit haben wir tatsächlich satte 37 EUR für überwiegend mittelmäßiges bis kaum geniessbares "Straßenfutter" ausgegeben, hockten in praller Sonne auf Bierbänken, wunderten uns über zu wenige Mülleimer und ärgerten uns über Proletenpublikum, das sich bemüßigt fühlte, seinen Müll als Visitenkarte versäumter Kinderstube auf den Tischen zu belassen, statt diesen zu entsorgen. Wir durften unser Geschäft auf Dixieklos mit ihrem, in schwüler Sommerhitze unbeschreiblichen Ambiente erledigen und waren nach sechs Versuchen an den Ess-Ständen nicht einmal ordentlich gesättigt.
  • Was hätten wir beispielsweise in einem schattigen Biergarten fürs gleiche Geld geboten bekommen? Wer rechnen kann, der rechne ... 
  • Street Food in dieser Form ist unseres Erachtens keine Bereicherung des Imbiss-Angebotes; die hiesigen Dönerläden dürfen entspannt durchatmen. Wer derlei Food-Festivals liebt, dem empfehlen wir einen Besuch des jährlichen Fränkischen Bratwurstgipfels in Pegnitz - dort wird Street Food geboten, nach dessen Genuss du dir Stand für Stand die Finger leckst und dich fragst, warum in alles in der Welt können die Franken solche göttlichen Bratwürste machen? Nirgendwo auf diesem Planeten schmecken sie so geil wie dort! Schon gar nicht bei unseren zumeist uninspirierten Fleischhandwerkern im Regensburger Raum ... Obwohl: einer fällt mir ein, der hat gerade eine grobe Bratwurst mit mediteranen Gewürzen im Stil einer Salsiccia am Start ...





Kommentare:

  1. also die knacker waren supa so wie immer und des andene zeich war erlich gsagt naja kacke

    AntwortenLöschen
  2. danke danke danke...ihr sprecht mir aus der seele !!!

    AntwortenLöschen
  3. Hinweis: Ich habe auf die freundliche Bitte des Veranstalters des Street-Food-Festivals hin, mit dem ich zwischenzeitlich in einem konstruktiven Austausch stehe, drei Fotos aus meiner Rezension entfernt.

    AntwortenLöschen
  4. Lesenswerter Artikel über die kulturgeschichtlichen Hintergründe des Street Food:

    "Street Food - Arm oder sexy?" von Thanh Hoang

    http://contemporaryfoodlab.com/de/hungry-world/2015/04/street-food-arm-oder-sexy/

    AntwortenLöschen

Dein Kommentar wird sichtbar, sobald er von mir geprüft wurde. Spam und Verstöße gegen die Nettiquette sind Ausschlußkriterien.