Mittwoch, 24. Mai 2017

Müller-Thurgau Maniacs (XII): Julia Molitor-Justen und Dr. Daniel Molitor aus Kinheim-Kindel


Wenn Sprößlinge alteingesessener Winzerfamilien heiraten, erinnert mich das entfernt an die Heiratspolitik des Hochadels vergangener Zeit. Bella gerant alii, tu felix Austria nube an der Mosel?

Nein, die Liebe führte Julia Molitor-Justen und Daniel Molitor zueinander. Sie entstammt dem Meulenhof in Erden, er dem Viermorgenhof in Kinheim-Kindel. Beide Ortschaften trennt nur die Gemeinde Lösnich, die gemeinsame Qualitätsphilosophie verbindet die beiden Traditionsweingüter.

Kinheim zählt rund 800 Einwohner und liegt an der linken Seite der Mittelmosel auf Höhe des Mosel-Flusskilometers 116. Aus der Vogelschau, grob gesagt, etwa auf halber Strecke einer gedachten Linie, die Trier und Koblenz verbindet. Die Gemeinde ist geprägt von Weinbau und Tourismus. Auf circa 120 ha Rebfläche gedeihen Weine in den Einzellagen Rosenberg, Hubertuslay und Römerhang. Alle drei Weinlagen gehören zur Großlage Schwarzlay und zum Bereich Bernkastel des Anbaugebietes Mosel ...
von Robert Bock



Gemeinsam hat das junge Paar im vergangenen Jahr die Weinlinie "Stairs n' Roses - rockige Mosel"aus der Taufe gehoben. Stairs n' Roses sei eine Liaison zwischen dem Erdener Treppchen "stairs" und dem Kinheimer Rosenberg "roses" - den besten Weinlagen der Familien Justen und Molitor, erklärt mir Dr. Daniel Molitor. Die 2015er Stairs n' Roses-Weine konnten sich unter den "TopTen Kollektionen des Jahres 2016" im Genussmagazin Gourmetwelten platzieren und wurden im Magazin Travel-Food-Art empfohlen.

"Mosel ist Riesling" ist man geneigt zu meinen. Für viele Fans des Mosel-Rieslings gilt das sogar in umgekehrter Reihenfolge beider Begriffe. Es überrascht also nicht, dass in beiden Weingütern der Riesling traditionell eine exponierte Rolle spielt. Doch im Viermorgenhof und bei Stairs n' Roses schenkt man auch dem Müller-Thurgau seit jeher besonderes Augenmerk - und um diesen soll es  schließlich gehen, wenn sich ein Winzerehepaar um den Ehrentitel Müller-Thurgau-Maniac bewirbt

PD Dr. Daniel Molitor ist studierter Weinbauer (Dipl. Ing. (FH) Weinbau und Önologie, Geisenheim; Master of Science Önologie, Gießen; Doktor der Agrarwissenschaften, Gießen; Privatdozent, Boku Wien) und Junior-Chef im Weingut Viermorgenhof in Kinheim. Er erzählt mir von seinen und seiner Frau Julia Weinen und Philosophie.

In der Vergangenheit - und das seit jeher, wie Dr. Daniel Molitor betont - lag der Schwerpunkt in Sachen M-Th im Viermorgenhof auf einem leichten, duftigen Rivaner Classic. Von ihm wird in den Verkostungsnotizen ebenso ausführlich die Rede sein, wie von zwei echten Müller-Thurgau-Spezialitäten, die Julia und Daniel aufs Gleis gesetzt haben:

In der Linie Stairs n' Roses findet sich mit dem Ohrenschwein zum einen ein maischevergorener Wein aus ausgelesenen Müller-Thurgau-Trauben, mit biologischem Säureabbau und 18 monatiger Barrique-Reifung. Ein Wein für Experten, beschreibt ihn mir Dr. Daniel Molitor, jedoch so ausgebaut, dass die Trinklust nicht auf der Strecke bleibe. Bei wem der Groschen noch immer nicht gefallen ist: Es handelt sich beim "Ohrensch-wein" also um einen Orange Wine.

Zum anderen mit dem Honeymoon "etwas Süßes zum Vernaschen": Wein aus eingetrockneten Müller-Thurgau-Trauben, konzentrierte Süße, konzentrierte Säure, konzentrierte Aromatik. Anderswo nennt man Weine dieser Machart Strohweine.

Als Strohwein (franz. vin de paille, ital. passito) bezeichnet man einen Wein, dessen Trauben nach der Lese auf Strohmatten oder Holzgestellen getrocknet werden, sodass ihr Zuckergehalt infolge der Wasserverdunstung steigt. Erst im Anschluß werden die Trauben gepresst.

Der wahrscheinlich berühmteste Strohwein ist der Amarone della Valpolicella aus Italien, doch auch im französischen Jura, in Spanien, Im Burgenland und auf Zypern gibt es schöne Vertreter dieser Art von Weinen.

Das Deutsche Weinrecht schreibt vor, solche Weine als "Wein aus eingetrockneten Trauben" zu deklarieren, weil sich Österreich und Italien die Bezeichung "Strohwein" haben schützen lassen. Ab 1971 war die Produktion von Strohweinen in Deutschland gar verboten, erst seit der EU-Weinrechtsverordnung von 2009 darf man auch hierzulande wieder solche Weinschmankerl produzieren.

Genug der Vorrede: Zu unseren Verkostungsnotizen der drei reinsortigen Müller-Thurgau-Weine der beiden Bewerber um den Ehrentitel Müller-Thurgau-Maniac ...

2015er Rivaner Classic QbA | Weingut Viermorgenhof - Reinhard Molitor | Kinheim | Mosel | 11,5% Alc. | 4,50 EUR/0,75L

Im Glas (Gabriel): helles, zartes Gelb
Nase: Kiwi, Stachelbeere, saurer Apfel, Guave
Zunge&Gaumen: Apfel, Birne | kaubare Mineralik, schöne Balance von Frucht und Säure, spritzig, cremig

Wer es bezweifelt: Mosel kann tatsächlich Rivaner! Dieser ist ein herausragendes Beispiel eines frisch-fruchtigen Müller-Thurgau, der sein Terroir widerspiegelt und schlicht und einfach Spaß macht ohne niedrigdimensioniert zu sein. Das Frucht-Säure-Spiel erinnert mich an einen Riesling - auch der deutliche Restzucker dieses Classic-Weines, der sehr charmant eingebunden ist. Für 4,50 EUR für die 0,75L-Flasche mit Schraubverschluß ist dieser Wein zudem sehr fair bepreist. Für mich eine glasklare Empfehlung für alle Fans eines Rivaners dieser Spielart und Ausweis der Kompetenz der Familie Molitor im Umgang mit dieser Rebsorte in Weinberg und Keller.

2015er Ohrenschwein | Stairs n' Roses - Julia Molitor-Justen und Dr. Daniel Molitor | Kinheim-Kindel | Mosel | 12 % Alc. | Maischegärung in offener Bütte, 18 Monate Reifung im kleinen Barrique | 9,00 EUR/0,75L

Glas (Spiegelau Authentis Weißweinkelch): Zartgelb
Nase: Bittermandel, Marzipan, Amaretto, Holz - später: kandierte Ananas
Zunge&Gaumen: Ananas, Honigmelone, Karamell, bitter-kräutrige Noten im Abgang | rasche Verwandlung im Glas, facettenreich changierend

Mal dominieren die Noten des Eichenholzfasses, mal die Frucht - dieser Wein erweist sich als Chamäleon im Glas und wandelt beinahe im 3-Minuten-Takt sein Gesicht. Enorm spannend für Weinliebhaber wie mich, aber möglicherweise verstörend für Menschen, die sich nach Stabilität in Zeiten raschen Wandels sehnen. Hätte ich nicht gewußt, dass es sich beim Ohrenschwein um einen Müller-Thurgau handelt, ich wäre vom sensorischen Eindruck her nicht darauf gekommen. Das gefällt mir! In der Müller-Thurgau-Rebe steckt so viel - warum kitzeln es nur so wenige Winzer derart gekonnt heraus wie Julia Molitor-Justen und Dr. Daniel Molitor am Beispiel dieses Orange Weins ...?

2016er Honeymoon| Stairs n' Roses - Julia Molitor-Justen und Dr. Daniel Molitor | Kinheim-Kindel | Mosel | 9 % Alc. | Wein aus eingetrockneten Trauben | 15,00 EUR/0,375L

Glas (Gabriel): Goldgelb, dicht, zähe Schlieren am Kelch
Nase: Verhalten, dezent süßliche, nicht klar dechiffrierbare Frucht
Zunge&Gaumen: Wuchtige, körperreiche Süße, braune kernlose Weintrauben, Rosinen, Muskat, Akazienhonig, schöne Säure

Oh, was man aus Müller-Thurgau alles zaubern kann! Man muss "nur" topgesunde, handverlesene Trauben einzeln in kleine Kisten legen und unter trocken-luftig-warmen Bedingungen sechs Wochen lang eintrocknen lassen, bevor man sie bei 180 Oechslegraden Mostgewicht presst. Wenn's weiter nichts ist ...?
Freunde edelsüßer Weine werden in diesem Tröpfchen reine Freude finden. Die Säure ist ausgeprägt genug, dass man dieser Spezialität einige Jahre Reifepotenzial zutrauen kann, obwohl der Müller-Thurgau, anders als beispielsweise der Riesling, im Allgemeinen nicht berühmt für hohes Lagerpotenzial ist. Das Leben ist kurz. Wer weiß, wie lange wir leben? Warum warten - gleich genießen!

Julia Molitor-Justen und Dr. Daniel Molitor belegen mit drei völlig unterschiedlichen Weinen wie interessant Müller-Thurgau-Weine sein können, wenn man sich ihnen mit Liebe, Leidenschaft und Experimentierfreude widmet. Deswegen tragen die beiden  ab sofort und völlig zurecht den Ehrentitel Müller-Thurgau-Maniac.

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